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Auf dieser Seite publizieren wir wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Aufsätze zur mongolischen Sprache, Literatur und Geschichte. Bitte beachten Sie, dass alle hier veröffentlichten Beiträge durch Copyright geschützt sind.

1. Geschichte der mongolischen Sprachen und Dialekte
2. Juristische Präzedenzfälle in der Mongolei des 19. Jh.

Hans-Peter Vietze, Berlin

Geschichte der mongolischen Sprachen und Dialekte


1. Geschichte der Mongolen mit Blick auf die Sprachgeschichte

Die Geschichte eines Volkes und die Geschichte seiner Sprache sind immer eng miteinander verbunden. Zweifellos hatte bereits die erste Vereinigung mongolischer Stämme durch Qaidu-Qa'an im 11. Jh., die dessen Enkel Qabul-Qa'an noch ausbauen konnte, Konsequenzen für die Entwicklung der mongolischen Sprache, da dieser Prozess einen neuen kulturellen Austausch implizierte, das Bewusstsein der ethnischen Identität förderte und eine neue Qualität der Kommunikation erforderte.

Nach dem Zusammenbruch dieser Stammunion gelang es Temüjin (wahrscheinlich 1155-1227) endgültig, die mongolischen Stämme zusammenzuführen. 1206 wurde ihm der Titel Činggis-Qa'an verliehen. Er begründete das grösste Imperium, das es auf der Welt je gab. Kommandostrukturen für die Feldzüge und der Aufbau einer zivilen Verwaltung erforderten schriftlich formulierte Gesetze und Erlasse. Die Herrscher benötigten eine autoritätsfördernde Geschichtsschreibung. Kontakte mit anderen Völkern vermittelten kulturelle Werte. Selbstverständlich wurde aber der eigenen Kultur die grösste Aufmerksamkeit zuteil. Auch bestand das Bedürfnis, die bis dahin mündlich tradierten Epen und die Werke anderer literarischer Genres aufzuzeichnen und damit besser zu bewahren. All das ging nicht ohne eine weitgehend normierte Schrift und eine Pflege derselben. Daher wurde die Schrift der Uiguren, eines kulturell hochstehenden zentralasiatischen Turk-Volkes, übernommen (s. 3.1.). Die Schrift wirkte wiederum auf die Entwicklung der Sprache ein. 1243 verfasste Saskiy-a Pandita Gung-γajaljang die erste mongolische Grammatik, die Probleme der Laute und der Schrift zum Inhalt hatte. Zur Schaffung der mongolischen Quadratschrift durch den Lama 'Phags-pa s. 3.2.

Nicht von allen Feldzügen kehrten die Krieger in ihre heimatlichen Steppengebiete zurück. Häufig wurden Garnisonen gebildet, in denen ein Teil von ihnen verblieb. Viele Mongolen wurden einschliesslich ihrer Sprache in fremden Ländern vollständig assimiliert. Andere behielten ihre Sprache zumindest in den Grundstrukturen und in wesentlichen Teilen des Wortschatzes bei. So entstanden die unter 4. genannten isolierten mongolischen Sprachen. Durch ihre geographische Abgeschiedenheit bewahrten sie archaische Züge. Sie sind damit von besonderem sprachwissenschaftlichen Interesse.

Nachdem das mongolische Imperium mit der Yüan-Dynastie in China seine grösste Blütezeit erlebt hatte, brach es 1368 zusammen. Die folgenden drei Jahrhunderte waren durch wiederholte kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Ost- und Westmongolen gekennzeichnet. Nur Dayan-Qa'an (1470-1543) gelang es für eine kurze Zeit, die Mongolen wieder zu vereinigen. Nach seinem Tode wurden die Khalkh-Mongolen, die im wesentlichen auf dem Gebiet der heutigen Mongolei nomadisierten, unabhängig und prägten ihre Sprache stärker aus.

Durch die innermongolische Kriege und durch Kriege gegen die Kasachen zermürbt, begannen bis dahin in der Westmongolei lebende Stämme der Oirat-Mongolen 1606 Verhandlungen mit dem russischen Zaren mit dem Ziel, in dessen Reich ansässig zu werden. Nach dessen Einverständnis kamen sie schliesslich 1630 in ihren neuen Weidegebieten an der Wolga an, wo sie unter dem Namen Kalmüken bekannt wurden. Ihr Schicksal, ebenso wie das der zurückgebliebenen Oiraten, war durch weitere Umsiedlungen gekennzeichnet, so dass die Oiraten heute in Gebieten leben, die z.T. geographisch weit von einander entfernt sind.. Im 17.Jh. wurden auch die Buryat-Mongolen Untertanen des russischen Zaren.

1635 wurden die südmongolischen Gebiete von den Mandshuren erobert und später in das von ihnen beherrschte China (Mandshu-Dynastie, 1644-1911) eingegliedert. Damit entstanden die "Innere" und die "Äussere" Mongolei, politisch getrennt und allmählich an sprachlicher Homogenität verlierend. Auch die Äussere Mongolei geriet unter mandshurische Herrschaft. Ebenso wie die Kalmüken und Buryaten starken Einflüssen der russischen Sprache ausgesetzt waren, beeinflusste das Chinesische die innermongolischen Sprachen und Dialekte, wenn auch in verschiedenem Masse. Stabilisierend auf den Zusammenhalt der mongolischen Sprachen wirkte immer die mongolische Schrift.

Im 17./18. Jh. setzte sich der Lamaismus, der zentralasiatische Zweig des Buddhismus, als Religion fast aller mongolischer Völkerschaften durch, auch unter den Kalmüken an der Wolga, weniger stark nur unter den Buryaten. Der Buddhismus prägte Kultur, Geistesleben und Sprache der Mongolen. Tibetische Fremdwörter, über das Tibetische auch zahlreiche Sanskritwörter, drangen in die mongolischen Sprachen und Dialekte ein, befördert durch ein klerikales Bildungssystem. In den Klöstern wurde eine Vielzahl von Übersetzungen aus dem Tibetischen angefertigt, darunter auch Übersetzungen wissenschaftlicher Werke. Eigenständige wissenschaftliche Arbeiten entstanden, so z.B. die Grammatik Čoyiji Odser's, der das alte Werk Saskiy-a Pandita Gung-γajaljang's kommentierte und gleichzeitig mit eigenen wissenschaftlichen Ideen weiterführte. Eine grosse Bedeutung für die weitere Normierung der mongolischen Sprachen hatte die Verbreitung des Holzdruckes.

Zur Zeit der Mandshu-Dynastie war auch ein Einfluss der mandshurischen Sprache vorhanden, er beschränkte sich jedoch im wesentlichen auf die administrative Terminologie.

Chinesischer Einfluss war immer gegeben, besonders im kulturellen Bereich. Trotzdem darf aus dem Gesagten nicht der Eindruck entstehen, das Mongolische, insbesondere das Khalkh-Mongolische, sei eine überfremdete Sprache. Es dürfte im 18. / 19. Jh., nicht wesentlich mehr Fremd- und Lehnwörter aufgewiesen haben als z.B. das Deutsche. Dasselbe gilt für die Gegenwart.

Mit dem Zusammenbruch der Mandshu-Dynastie 1911 wurde die Äussere Mongolei mit einer kurzen Unterbrechung formell unabhängig. Danach bedeutete die Revolution von 1921 einen Umbruch im gesamten gesellschaftlichen Leben der Mongolen.

In der Lexik gab es einschneidende Veränderungen. Die Tatsache, dass die Mongolen den Anschluss an die internationale Kommunikation, Wissenschaft und Technik suchten und fanden, hatte Konsequenzen für den mongolischen Wortschatz. Der Eindruck, dass die mongolische Sprache vom Russischen überfremdet wurde, ist dabei falsch. Die Zahl der tatsächlich russischen Wörter ist gering. In Wirklichkeit transportierte das Russische nur den internationalen wissenschaftlich-technischen und politischen Wortschatz in die mongolische Sprache. Bedeutender war der Einfluss bei Lehnübersetzungen.

Die Entwicklung des Bildungswesens, der Massenmedien und der nationalen Sprachwissenschaft sowie die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institutionen in Ulan-Bator und Köke-Qoto, der Hauptstadt der Inneren Mongolei, trugen zu einer weiteren Normierung der mongolischen Sprache bei. Ein bedeutendes Verdienst kommt in diesem Zusammenhang der Terminologischen Kommission bei der Mongolischen Akademie der Wissenschaften zu.

Obwohl die Mongolische Volksrepublik bis Ende der 80er Jahre nur formell unabhängig war, hatten die Tatsache der UNO-Mitgliedschaft und der eigenen Vertretung in allen internationalen Gremien, das diplomatische Netz, die Wirtschaftsbeziehungen, der umfangreiche internationale Studentenaustausch u.a. Faktoren einen nachdrücklichen Einfluss auf die Sprachentwicklung.


2. Sprachgeschichte

Bei der Erforschung der Geschichte einer Sprache kann der Anspruch an die Beweisbarkeit der Erkenntnisse wohl nur dann begründet erhoben werden, wenn schriftliche Primärquellen vorliegen, die auch entsprechend umfänglich und aussagekräftig sind. Das ist für die mongolische Sprache erst in der ersten Hälfte des 13. Jh. der Fall. Aus dem Jahre 1225 dürfte der "Stein des Yisüngge", eines Neffen Činggis Qa'ans, stammen. Es ist das erste Denkmal der mongolischen Sprache in mongolischer Schrift. 1240 wurde wahrscheinlich die "Geheime Geschichte der Mongolen" beendet. Sie ist die wichtigste Quelle der Mongolistik überhaupt. Leider wurde sie nur in chinesischer Trankription überliefert. Die Systematik der chinesischen Transkription und spätere mongolische Quellen, denen wahrscheinlich noch eine verschollene Version der "Geheimen Geschichte" in mongolischer Schrift zugrunde gelegen hat, erlauben jedoch relativ gesicherte Aussagen zur mongolische Sprache dieser Zeit.

Für die Periode, in der für die interessierende Sprache noch keine Schrift vorhanden war, kann sich die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft häufig an Sekundärquellen halten, d.h. an schriftliche Quellen anderer, in der Regel benachbarter Völker, in denen Namen, Titel, Stammesbezeichnungen, aber auch Wörter und Wendungen der zu untersuchenden Sprache zitiert werden, wenn nicht sogar Glossare vorliegen. Für die mongolische Sprache sind es in erster Linie chinesische Quellen, die ein frühes und reiches Material bieten. In den Annalen der chinesischen Tang-Dynastie (618-907) erscheint auch der Name "Mongolen" (Mêng-ku) zum ersten Mal. Probleme ergeben sich bei diesem sekundären Quellenmaterial aus der Ungenauigkeit der Aufzeichnungen von Reisenden sowie aus ethnischen Umschichtungen und permanenten Stammesfehden in Zentralasien vor dem Entstehen des mongolischen Imperiums unter Činggis Qa'an. So waren z.B. die Titelträger nicht in jedem Falle mit dem von ihnen beherrschten Stamm auch ethnisch zu identifizieren. Trotzdem erlauben einzelne mongolische Wörter in Quellen der Kitan-Sprache z.B. die sprachgeschichtliche Aussage, dass der Konsonant γ in intervokalischer Position (-γ-) im 10. Jh. zumindest in einzelnen Wörtern nicht oder nicht mehr vorhanden war, die vor und nach diesem Konsonanten stehenden Vokale aber noch nicht kontrahiert waren. So wurde z.B. čila'un 'Stein' eben in dieser Form, nicht aber als ein theoretisch zu erwartendes čilaγun (> modern čilūn > khalkhmong. чулуу), wiedergegeben u.a.m.

Noch weiter zurückgehend findet die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft zu ihrem eigentlichen Metier, der Rekonstruktion alter hypothetischer sprachlicher Formen und Inhalte und der Ermittlung eventueller genetischer Sprachverwandtschaft oder zumindest typologisch-struktureller Gemeinsamkeiten der Sprachen untereinander. Für die historisch-vergleichende Untersuchung der einander ähnlichen mongolischen, türkischen und mandshurisch-tungusischen Sprachen wurde die Bezeichnung "Altaistik" geprägt und allgemein akzeptiert.


2.1. Altaistik

Der Terminus "Altaistik" basiert auf der Hypothese, dass die Urheimat der Vorfahren der mongolischen, türkischen und mandshurisch-tungusischen Völker die weite Steppenregion um das Altai-Gebirge gewesen sein könnte. Die Altaistik im weiteren Sinne bezieht auch die koreanische und die japanische Sprache mit ein. Noch die moderne japanische Sprache weist z.B. frappierende strukturelle Gemeinsamkeiten mit den o.g. Sprachen auf, bis hin zu Übereinstimmungen in grammatischen Feinheiten. Weiter nach Westen gehend, werden die finnisch-ugrischen Sprachen von der Altaistik mit Aufmerksamkeit betrachtet. Die Möglichkeit genetischer Beziehungen dieser Sprachen zu den "eigentlichen altaischen Sprachen" ist Gegenstand der "ural-altaischen Hypothese". Schliesslich werfen anthropologische, archäologische, aber auch sprachgeschichtliche Studien immer wieder die interessante Frage auf, welche Beziehungen zwischen altaischen Völkern, zu denen ja auch die in Nordostasien lebenden Tungusen gehören, und den Indianern Amerikas bestanden haben könnten.

Die altaische Hypothese stützt sich im wesentlichen auf folgende Erkenntnisse:

- Es sind Lautgesetze nachweisbar, die eindeutig genug sind, um das Gegenargument einer möglichen Ähnlichkeit durch Entlehnung bedeutend abzuschwächen. Dazu gehören unter anderem eine Entwicklung der Anlaute *p > f > h > 0 (z. B. koreanisch pom < *pon 'Frühling', mandshurisch fon 'Zeit, Jahreszeit', mittelmong. hon 'Jahr', neumong. on 'Jahr'), der sogenannte Rhotazismus, d.h. eine Entsprechung r // z (z.B. alttürkisch ikiz // mong. ikire 'Zwillinge') und der sogenannte Lambdaismus, d.h. eine Entsprechung š // l (z.B. türkisch äšäk // mong. eljig 'Esel').

- Die alten phonologischen Systeme weisen bedeutende Gemeinsamkeiten auf. Zahlreiche Vokalphoneme stehen einem relativ kleinen Bestand an Konsonantenphonemen gegenüber. Es gibt ähnliche Oppositionen im Konsonantensystem, demgegenüber fehlen Oppositionen wie "aspiriert - nicht aspiriert". Vokalharmonie (in einem Wort erscheinen entweder nur hintere oder nur vordere Vokale) und Labialattraktion prägen das Wort phonetisch. Im An- und Auslaut gibt es in der Regel keine Konsonantengruppen, auch fehlen im Anlaut in der Regel Konsonanten wie r- und z-.

- Die gesamte Morphologie unterliegt dem Prinzip der Agglutination, d.h. an einen Wortstamm wird nach positionellen Regeln eine häufig lange Kette von wort- oder formbildenden Suffixen angefügt, von denen jedes nur eine grammatische Bedeutung hat. Der Nominalstamm ist gleichzeitig Nominativ, der Verbalstamm Imperativ, spezifische Wortarten wie Verbalnomina und Konverba treten auf, anstelle von Präpositionen gibt es Postpositionen.
 
- Die Syntax wird durch das "altaische Grundprinzip" geprägt: das Bestimmende steht vor dem zu Bestimmenden. Nebensätze können nicht durch Konjunktionen oder Relativpronomina mit Hauptsätzen verbunden werden, diese Funktion erfüllen verbalnominale oder konverbale Konstruktionen.

Gelegentlich wurden allzu kühne Theorien aufgestellt und die Rolle des Zufalls beim Sprachvergleich unterschätzt. Auch wurde das Vorhandensein gleicher sprachlicher Phänomene, wie z.B. der Vokalharmonie und der Labialattraktion, überbewertet (die Vokalharmonie gibt es auch in den afrikanischen Bantu-, Mande- u.a. Sprachen, auch in der südamerikanischen Indianersprache Kechuan). Sogar das "altaische Grundprinzip" kann ebensogut typologisch erklärt werden wie genetisch: auch in anderen, nichtaltaischen agglutinierenden Sprachen steht das Bestimmende vor dem zu Bestimmenden. Aber selbst wenn man strenge indoeuropäische Massstäbe anlegt, kommt der altaischen Hypothese besonders auf Grund der Lautgesetze eine grosse Wahrscheinlichkeit zu. Schliesslich muss auch immer berücksichtigt werden, dass die ältesten indoeuropäischen Quellen aus dem Jahre 2000 v.u.Z. datieren, wohingegen das früheste, tatsächlich verwertbare altaistische Sprachmaterial, die alttürkischen Inschriften, aus dem 8. Jh. u.Z. stammt.


2.2. Altmongolisch

Ob es tatsächlich eine theoretisch vorstellbare altaische Ursprache gegeben hat und - sollte es so sein - wann sich das Mongolische von ihr losgelöst hat, ist nicht exakt zu beantworten. Aber natürlich war der Versuch möglich, die Geschichte des Mongolischen anhand sprachinterner Zäsuren chronologisch zu strukturieren. Dafür boten sich die bereits erwähnten Entwicklungen *p > f > h > 0 (z. B. altmong. *purtu > mittelmong. hurtu > neumong. urtu 'lang') und [Vokal -γ-/-g- Vokal] > [Vokal ' Vokal] > [langer Vokal] (z. B. altmong. šibaγun > mittelmong. šiba'u(n) > neumong. šibūu(n) 'Vogel') an. Da in der "Geheimen Geschichte der Mongolen" das h- im Anlaut noch eindeutig nachweisbar war, das f- bzw. *p- aber nicht mehr vorkamen, wurde der Übergang vom Altmongolischen zum Mittelmongolischen für den Anfang des 13. Jh. festgelegt. Zusätzlich zu begründen ist dieser Einschnitt mit der Übernahme der uigurischen Schrift durch die Mongolen Anfang des 13. Jh. Dass die Einführung einer Schrift für eine Sprache gravierende Konsequenzen hat (stärkere Bewusstheit des Sprachgebrauchs, Normierung, eine neue Qualität der Kommunikation), dürfte unbetritten sein.

Altmongolisch wäre also - grob gesagt - diejenige Sprachperiode, in der das *p- oder f- im Anlaut und -γ- zwischen zwei Vokalen in Wörtern mit hinterem Vokalismus bzw. -g- in Wörtern mit Vokalen der vorderen Reihe noch gesprochen wurden. Die o.g. Lautentwicklungen sind jedoch nicht unumstritten. So nehmen mehrere Mongolisten an, das intervokalische -γ-/-g- sei reine Graphie für eine Hiatustilgung, das Wort čilaγun 'Stein' sei also auch im Altmongolischen schon čila'un gesprochen worden. Für die eingeschworenen Altaisten besteht dieses Problem nicht, denn in den Turksprachen und im Mandshurisch-Tungusischen ist das γ als ein velarer und hinterlingualer intervokalischer Spirant eindeutig vorhanden, woraus dann Rückschlüsse auf das Altmongolische gezogen werden können. Auch wahrscheinliche alte Entlehnungen, wie z.B. solonisch (eine tungusische Sprache) oγor 'Mörser' aus mongolisch oγur (> o'ur > ūr) sprechen dafür, dass ein intervokalisches γ/g in einer alten mongolischen Sprachperiode tatsächlich gesprochen worden ist.


2.3. Mittelmongolisch

Das Mittelmongolische ist durch die "Geheime Geschichte" u.a. schriftliche Quellen belegt und damit wesentlich genauer beschreibbar. Es umfasst die Sprache, die vom Anfang des 13. Jh. bis etwa zum Ende des 16. Jh. gesprochen wurde.

Die wichtigsten phonologischen Merkmale sind das h- im Anlaut und der Ausfall des intervokalischen -γ-/-g-. Eingesetzt hatte die Kontraktion gleicher Vokale zu einem langen Vokal in Positionen, in denen das intervokalische -γ-/-g- geschwunden war. So wurde z.B. aus sa'aqu 'melken' sāqu und aus ide'en 'Speise' idē(n). Auch die i-Brechung, d.h. die regressive Assimilation eines i, zunächst durch a und e in der folgenden Silbe, hatte begonnen. So finden wir in der "Geheimen Geschichte" z. B. schon ja'aqu 'zeigen' für ji'aqu und je'e 'Kind der Schwester oder der Tochter' für ji'e. Als Affrikaten kommen ausschliesslich č und j vor, noch nicht jedoch die dentalveolaren Ausprägungen ts und dz, eine Eigenart, die einige mongolische Sprachen und Dialekte in China bis heute bewahrt haben.

Das Mittelmongolische weist zahlreiche morphologische Besonderheiten auf. Dazu gehören eine exklusive und ein inklusive Form des Personalpronomens 1. Person Plural, feminine finite Verbalformen, ein produktives Pluralsuffix -n, eine grosse Häufigkeit des Dativ-Lokativs auf -a und -da und eine Präsensform auf -m.

Auch die Syntax des Mittelmongolischen hat ihre Eigenarten, wie z.B. die verbreitete Numerus- und Genuskongruenz zwischen dem Attribut und dem von ihm bestimmten Substantiv sowie zwischen dem Verb und der Form des Subjekts. Auch in der Reihenfolge der Satzteile gibt es Besonderheiten, wie z.B. das häufige Vorkommens eines Personalpronomens in finiter Position in der "Geheimen Geschichte", ein Phänomen, das in einer späteren Sprachperiode in der buryatischen und in der kalmükischen Sprache morphologisch systematisiert wurde.


2.4. Neumongolisch

Der Übergang zum Neumongolischen erfolgte Ende des 16. und Anfang des 17. Jh. In dieser Periode der Sprachentwicklung kontrahierten an Positionen des Wortes, in denen -γ-/-g ausgefallen waren, auch nichtgleiche Vokale zu einem langen Vokal. So wurde z.B. aus a'ula 'Berg' ūl und aus jilo'a 'Zügel' jolō. Das anlautende h- verschwand fast völlig, nur in wenigen mongolischen Sprachen bzw. Dialekten (Monguor, Tsitsikar-Daguren in der Inneren Mongolei) blieb es erhalten. Im Khalkh-Mongolischen und Kalmükischen treten dental-alveolare Affrikaten (ts und dz) auf, im Buryatischen entspricht dem khalkhmongolischen ts ein s.

Die Morphologie ist durch eine gewisse Reduzierung des Bestandes an formbildenden Suffixen gekennzeichnet. Gleichzeitig treten neue Formen auf, wie z.B. ein Präsens auf -nam/-nem, später -na/ne, Imperativformen auf -ārai/-ērei, -āči/-ēči u.a.m. Der alte Plural auf -n ist nicht mehr produktiv. Als Komitativ finden Formen auf -tai/-tei Verbreitung und verdrängen in ostmongolischen Sprachen und Dialekten allmählich den ursprünglichen Komitativ auf -lu'a/-lü'e, der wohl auch auf Grund seiner kommunikativen Interferenz mit dem häufiger werdenden Perfektsuffix -lu'a/-lü'e (> -lā/lē) an Bedeutung verliert.

Pluralkongruenz kommt noch sporadisch oder dialektbedingt vor, Genuskongruenz fehlt ebenso wie die bewusste Bildung femininer Formen. Mit der Einführung des Lamaismus wird ein Teil der Lexik entsprechend beeinflusst.

Verschiedene mongolische Sprachen und Dialekte, wie das Buryatische, das Kalmükische und mongolische Sprachen und Dialekte in China, fanden ihre endgültige Ausprägung, Dialektunterschiede gab es aber schon wesentlich früher.


2.5. Die Gegenwartssprache

Wenn es bei der Betrachtung des Neumongolischen nur eingeschränkt möglich war, für alle mongolischen Sprachen und Dialekte gleichermassen gültige Aussagen zu treffen, so können die mongolischen Gegenwartssprachen nur noch gesondert behandelt werden. Dem Khalkh-Mongolischen als der Nationalsprache der politisch unabhängigen Mongolei kommt die grösste Bedeutung zu.

Die gegenwärtig gesprochene khalkh-mongolische Sprache entwickelte sich kontinuierlich seit den 20er und 30er Jahren dieses Jh. Sprachliche Veränderungen traten jetzt wesentlich schneller auf als in zurückliegenden Perioden der Entwicklung des Mongolischen. Phonologisch gab es jedoch keine Veränderungen zum Neumongolischen. Je nach Wertung dieses Sachverhaltes kann die Gegenwartssprache als aktuelles Neumongolisch oder als eigenständige Sprachperiode betrachtet werden.

Die Morphologie wandelte sich bedeutend auf Grund neuer kommunikativer Bedürfnisse. Insbesondere wirkte das Gesetz der inneren Ökonomie der Sprache. Der Formenreichtum wurde zugunsten einer geringeren Zahl stärker normierter Suffixe abgebaut. Beim Verb setzen sich in der gesprochenen Sprache das Verbalnomen auf -san/-sen/-son/-sön zur Kennzeichnung der Vergangenheit und die finite Form auf -na/-ne/-no/-nö für das Präsens durch. Als Konverb für den Ausdruck der Gleichzeitigkeit wird in der gesprochenen Sprache überwiegend -j/č verwendet. Das semantisch ähnliche Konverb auf -n ist zwar noch produktiv, aber immer weniger in Gebrauch. Das konditionale Konverb ist die Form auf -val mit ihren Varianten, das konzessive Konverb endet auf -vč. Die anderen Formen auf -basu/besü und -qula/küle wurden im wesentlichen aufgegeben. Die Standard-Pluralformen sind -nar für Personen und -ūd für alle anderen Mehrzahlkennzeichnungen. Die Pluralsuffixe -s und -d sind kaum noch produktiv. Völlig verschwunden ist der Dativ-Lokativ auf -tur/-dur/-tür/-dür zugunsten von -d, was aber sicher schon früher eingetreten ist. In der gegenwärtigen Phase der Rückbesinnung auf alte kulturelle Werte werden gelegentlich auch alte Suffixe wiederverwendet, was die für die gesprochene Sprache getroffenen Aussagen aber nicht beeinträchtigt.

Die Syntax ist durch Normierung und klaren Satzaufbau gekennzeichnet. Modale Paraphrasen wurden standardisiert und fest geprägt. Einflüsse des Russischen auf die Grammatik, wie etwa die Stellung des Titels vor den Namen (noy°n Müller 'Herr Müller') sind die Ausnahme.

Die mongolische Gegenwartssprache ist in allen Teilbereichen durch Normierung geprägt, wenngleich orthographische promisque-Fälle ausserordentlich haüfig sind.


3. Die mongolischen Schriften

3.1. Die klassische mongolische Schrift

Die klassische mongolische Schrift, im folgenden "mongolische Schrift", wird vertikal und von links nach rechts geschrieben. Die meisten Buchstaben haben verschiedene Varianten, je nachdem, ob sie am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes stehen. Die Vokale ö und ü weisen noch eine zusätzliche Variante auf, wenn sie nichtinitial in der ersten Silbe vorkommen. Die Vokale o und u , ebenso ö und ü werden in keiner Position graphisch unterschieden. Das ist insofern von Vorteil, als diese Vokale von Dialekt zu Dialekt den meisten phonetischen Veränderungen unterworfen sind, so dass die Schrift einen Rahmen für diverse phonetische Ausprägungen bieten kann.

Im allgemeinen wird angenommen, dass die Mongolen ihre Schrift Anfang des 13. Jh. eingeführt haben, da das erste Denkmal, der bereits erwähnte "Stein des Yisüngge" aus dieser Zeit datiert. Die Mongolen haben ihre Schrift von den Uiguren übernommen, einem Turkvolk auf hohem kulturellen Niveau, das im 8. Jh. ein mächtiges Reich in Zentralasien errichtete. Die Uiguren ihrerseits hatten ihr Alphabet von den Sogdiern, einem iranischen Volk entlehnt. Letztlich geht die Schrift auf ein nordsemitisches Alphabet zurück. Tatsächlich kann man noch gewisse Ähnlichkeiten mit der arabischen oder persischen Schrift erkennen, wenn man mongolische Texte linksläufig horizontal betrachtet.

Die Schrift erfuhr graphische Veränderungen und Normierungen, blieb aber im wesentlichen stabil, so dass sich über die Jahrhunderte hinweg gravierende Unterschiede zwischen der geschrieben und der gesprochenen Sprache herausbildeten.

3.1.1. Die präklassische mongolische Schrift

Die präklassische mongolische Schrift ging der klassischen mongolischen Shrift voraus. Sie ist in ihrer frühesten Phase mit der uigurischen Schrift fast identisch, nur dass sie nicht - wie diese in den meisten Fällen - horizontal von rechts nach links geschrieben wurde. Charakteristische Merkmale waren die lang nach unter ausgezogenen finalen Buchstaben "a,e,n", das als Strich nach rechts geschrieben finale "s", eine kleine Rundung des initialen "q" und fast völlig fehlende Diakritika.


3.2. Die 'Phags-pa-Schrift

Der Herrscher der Yüan-Dynastie, Qubilai Qa'an, ein Enkel Činggis Qa'ans, veranlasste 1269 die Einführung eines neuen Alphabets, "da alle Völker über ein eigenes Alphabet verfügen, nur sein Reich nicht", wie es im Erdene-yin Tobči, einer Quelle aus dem 17. Jh. heisst. Das Alphabet wurde in Anlehnung an die tibetische Schrift von dem gelehrten Lama 'Phags-pa entworfen, nach dem es auch benannt worden ist. Häufig wird die 'Phags-pa-Schrift auf Grund der Gestalt der Zeichen auch als "Quadratschrift" bezeichnet. Die Schrift wurde wohl von keinem Volk der Yüan-Dynastie tatsächlich akzeptiert, fand aber in amtlichen Schreiben, Inschriften und einigen Büchern Verwendung. Sie verschwand im wesentlichen mit dem Untergang der Yüan-Dynastie 1368. Für die Erforschung des Mittelmongolischen ist sie jedoch von besonderer Bedeutung, da sie die Vokale o und u sowie ö und ü unterscheidet und auch phonetische Differenzierungen bei den Konsonanten genauer berücksichtigt als die mongolische Schrift.


3.3. Die oiratische Schrift

1648 veränderte der Lama Jaya Pandita das mongolische Alphabet durch die Einführung einer ganzen Reihe neuer Diakritika und neuer Buchstabenformen, um die Vokale, und die Fortes/Lenes exakt zu kennzeichnen und auch, um tibetische Texte besser transkribieren zu können. Das Alphabet erhielt den Namen Todo üsüg 'Eindeutiges Alphabet'. Aus Jaya Pandita's eigener Erklärung des Alphabets in dem Werk Üges-ün nayirulγa 'Gestaltung der Wörter' geht hervor, dass er allen Mongolen eine verbesserte Schrift geben wollte. Sie wurde aber nur von den Oiraten (Westmongolen) akzeptiert, deren sprachliche Besonderheiten Jaya Pandita von Anfang an stärker berücksichtigte. Bei den Oiraten in Autonomen Gebiet Sinkiang (China) findet sie bis heute noch Verwendung. Den Khalkhmongolen dürfte sie zu westmongolisch orientiert und zu verschnörkelt gewesen sein.


3.4. Die kyrillische Schrift

Mit den politischen Bewegungen und Umwälzungen in Zentralasien seit den 20er Jahren dieses Jh., mit dem übermächtigen Einfluss der Sowjetunion, aber auch mit bildungsökonomischen Überlegungen und dem Wunsch, schnell Anschluss an die moderne Wissenschaft und Technik zu finden, war die Einführung der kyrillischen Schrift bei den Khalkh-Mongolen, Buryaten und Kalmüken verbunden. Das russische Alphabet wurde dabei jeweils durch zusätzliche Buchstaben ergänzt. Bei den Buryaten und Kalmüken wurde die kyrillische Schrift 1937, in der Mongolischen Volksrepublik 1941 offiziell eingeführt. Vorangegangen waren Versuche, die Lateinschrift einzuführen, die phonologisch ebenso gut geeignet gewesen wäre. In der zu China gehörenden Inneren Mongolei wurde das klassische mongolische Alphabet beibehalten.

Im Zuge der Rückbesinnung auf nationale kulturelle Werte war 1994 in der Mongolei die Wiedereinführung der klassischen mongolischen Schrift beschlossen worden, die auch nie völlig aufgegeben worden war, sondern insbesondere in Wissenschaftsinstitutionen gepflegt wurde. Für die Wiedereinführung der mongolischen Schrift sprach die politische Notwendigkeit, auch die kulturelle Sphäre für die Festigung der Unabhängigkeit einzusetzen. Gegenargumente waren ökonomischer, insbesondere auch bildungsökonomischer Art. Schließlich wies die klassische mongolische Schrift gewaltige Unterschiede zur gesprochenen Sprache auf. Schwierigkeiten zeichneten sich auch für die moderne Informationstechnologie ab, wenngleich das Problem der Textverarbeitung unter Einbindung der klassischen mongolischen Schrift gelöst ist. Nach einem entsprechenden Parlamentsbeschluss und der Einführung der klassischen mongolischen Schrift als Unterrichtsfach in allen allgemeinbildenden Schulen zeigte sich neben vielen anderen Problemen bald, dass die Älteren nicht mehr lesen konnten, was die Jüngeren schrieben, und gegenwärtig hat sich die kyrillische mongolische Schrift wieder unbestritten durchgesetzt, und sie wird allgemein akzeptiert.

Ausser den aufgeführten Alphabeten gab es noch verschiedene Versuche, originelle Schriften, wie die Soyombo- und die Bagindra-Schrift einzuführen. Darüber hinaus sind Zierschriften in Gebrauch.


4. Einteilung der mongolischen Sprachen und Dialekte

Es ist schwer, die mongolischen Sprachen, Dialekte und Mundarten nach rein linguistischen Kriterien sauber zu klassifizieren. Als wichtigste grosse Sprachgruppen zeichnen sich das Nordmongolische (Buryatische), das Ostmongolische und das Westmongolische ab. Eindeutig selbständige Sprachen, auch unter soziolinguistischen Gesichtspunkten, sind Khalkh-Mongolisch, Buryatisch und Kalmükisch. Hier gibt es zwischen den Sprachträgern bereits Verständigungsschwierigkeiten.

Zu den ostmongolischen Sprachen zählen das Khalkh-Mongolische, sowie die überwiegend in der Volksrepublik China gesprochenen mongolischen Sprachen bzw. Dialekte Ordos, Tsakhar, Urat, Khartschin, Khortschin, Tümed, Ba'arin, Dong-xiang, Monguor, Dagur, Bao'an und die Sprache der "Gelben Uiguren".

Die Westmongolischen Sprachen sind das Oiratische, das Kalmükische und die Sprache der Moghol. Dialekte des Oiratischen werden von den Dörbed, Bayad, Torgud, Uriangkhai, Zakhchin, Mingad und Ölöd gesprochen.

Vertreter einzelner Sprachen und Dialekte gibt es jeweils auch innerhalb anderer Sprachregionen, so z.B. Bargu-Buryaten in der Inneren Mongolei und Oiraten in der ehemaligen Mongolischen Volksrepublik. Die meisten Dialekte können in Mundarten unterteilt werden.

Eine getrennte Betrachtung der geographisch isolierten mongolischen Sprachen (Moghol, Dongxiang, Monguor, Dagurisch, Bao'an) ist ebenfalls gerechtfertigt, zumal ihnen bedeutende archaische Züge gemeinsam sind. Die Moghol leben noch in kleinen Gruppen in verschiedenen Gebieten Afghanistans. In der chinesischen Provinz Gansu wird Dong-xiang noch von ca. 150 000 Sprachträgern gesprochen. Erst kürzlich wurden in der Provinz Gansu lebende Khalkh-Mongolen entdeckt. Die Monguor (ca. 53 000 Sprecher) leben südlich des Nanshan-Gebirges in der chinesischen Provinz Tsinghai. Dagurisch wird von ca. 50 000 Daguren in zwei Dialekten in den Gebieten von Tsitsikar und Khailar (China) gesprochen. Bao'an (ca. 8000 Sprecher) gibt es noch in den Provinzen Gansu und Tsinghai (China). Die "Gelben Uiguren" leben ebenfalls in geringer Zahl in der Provinz Gansu. Es sind Nachkommen derjenigen turksprachigen Uiguren, von denen die Mongolen die Schrift übernommen haben. Ein Teil der "Gelben Uiguren" hatte die mongolische Sprache angenommen.

Häufig wird auch eine stärker politisch-geographisch orientierte Gliederung vorgenommen, indem man die in der Volksrepublik China oder die in der ehemaligen Mongolischen Volksrepublik gesprochenen mongolischen Sprachen und Dialekte als jeweils gesondert zu betrachtende Gruppen ansieht.

Im folgenden kann nur auf die wichtigsten mongolischen Sprachen ein kurzer Blick geworfen werden.


4.1 Das Khalkh-Mongolische

Das Khalkh-Mongolische wird von ca. 85 % der Bürger der Mongolei, also von rund 1,9 Millionen Menschen gesprochen und ist die Nationalsprache dieses Landes, des einzigen selbständigen Staates der Mongolen. Ihr kommt somit in der internationalen Kommunikation ein hoher Stellenwert zu. Obwohl die Khalkh-Mongolen ein Territorium von der Grösse Westeuropas bewohnen, sind die Dialektunterschiede relativ gering. Das Khalkh-Mongolische ist auch den meisten Mongolen in der Inneren Mongolei sehr gut verständlich, auf gewisse Probleme bei der Verständigung mit Buryaten und Kalmüken wurde bereits hingewiesen.

Die Grobeinteilung der Khalkh-Dialekte in der Mongolei ist: Zentral-Khalkh, Ost-Khalkh und West-Khalkh. Häufig werden die Gobi-Mundarten auch unter dem Oberbegriff "Süd-Khalkh" zusammengefasst. Die Unterschiede dieser Dialekte sind kommunikativ wenig relevant. Ausser dieser Grobeinteilung sind aber auch Dialekte zu berücksichtigen, deren Sprecherzahl gering ist, die jedoch z.T. bedeutende Eigenheiten aufweisen. Das sind die Dialekte der Dariganga (Sukhbaatar-Aimag), Darkhad (Khuvsgul-Aimag), Sartuul (Zavkhan-Aimag), Khotgoid (Zavkhan - und Khuvsgul-Aimag) und Uzemchin.


4.2. Das Buryatische

Das Buryatische wird vor allem in der Buryatischen Republik in der Russischen Föderation, zwischen Baikalsee und mongolischer Grenze gesprochen. Die Sprache weist folgende Dialekte auf: Ostburyatisch, Westburyatisch, Selenge-Buryatisch und Bargu-Buryatisch.

Die phonetischen Unterschiede zum Khalkhmongolischen fallen ins Gewicht, wenn auch von Dialekt zu Dialekt verschieden. So entspricht z.B. allein in den Anlauten jeweils khalkhmongolisch // buryatisch: s- // h-, tš- // š- und ts- // s-. Im Ostburyatischen konvergierten ö und ü zu einem palatal-dorsalen Öffnungslaut ohne Lippenrundung u.a.m. Auch die Morphologie weist mit einem Genitiv auf -ai/-ei, einem Komitativ-Instrumental auf -lār/lēr bei den Personalpronomina, einem Inessiv u.a. Formen ein etwas anderes grammatisches Inventar auf, als das Khalkh-Mongolische. Besonders markant ist die ursprünglich syntaktische Besonderheit der Nachstellung der Personalpronomina, woraus schliesslich - wie auch im Kalmükischen - morphologisch neue Verbalformen entstanden.


4.3. Das Kalmükische

Das Kalmükische sei hier als Beispiel für andere westmongolische Sprachen und Dialekte angeführt, von denen es sich - mit Ausnahme der isolierten Sprachen - nicht wesentlich unterscheidet. Es wird von den Kalmüken an der Wolga, in der Kalmükischen Republik der Russischen Föderation, gesprochen.

Das auffallendste phonetische Merkmal des Kalmükischen, das diese Sprache von den ostmongolischen Sprachen und Dialekten unterscheidet, ist die Aussprache von ö und ü als Vorderzungenvokale (fast wie die deutschen ö und ü). Darüber hinaus finden wir passim eine starke regressive Assimilation von Vokalen durch ein i in der nächsten Silbe, z.B. mörn < morin 'Pferd'.

Morphologisch ist interessant, dass der alte Terminativ auf -ča/-če (z.B. χōlāčā 'bis zum Hals') - wenn auch nur selten vorkommend - erhalten geblieben ist. Das im Khalkh-Mongolischen u.a. ostmongolischen Dialekten völlig geschwundene Komitativsuffix -luya/-lüge ist im Kalmükischen als Soziativ erhalten geblieben. Die Funktion des reinen Komitativs hat das Suffix -tai/-tei übernommen. Die Konversion ursprünglich nachgestellter Personalpronomina zu Verbalformen wurde oben schon angeführt.

Die dargestellten Besonderheiten der mongolischen Sprachen und Dialekte in ihrer Entwicklung, aber auch in ihrer gegenwärtigen Sprachsituation, machen das Mongolische in allen seinen Ausprägungen zu einem interessanten Forschungsgegenstand der internationalen Sprachwissenschaft.


Ausgewählte Bibliographie

1. Haenisch, E., Die Geheime Geschichte der Mongolen, Leipzig 1948.
2. Heissig, Walther, Die Mongolen. Ein Volk sucht seine Geschichte, Düsseldorf, Wien 1979.
3. Sanžeev, G.D., Sravnitel‘naya Grammatika mongolskikh yazykov (Vergleichende Grammatik der mongolischen Sprachen), Moskau 1963.
4. Pelliot, Paul, Histoire secrète des Mongols, Paris 1949.
5. Poppe, Nicholas, Mongolian Language Handbook, Washington 1970.
6. Poppe, N., Grammar of Written Mongolian, Wiesbaden 1964.
7. Poppe, N., Khalkha-Mongolische Grammatik mit Sprachproben und Glossar, Wiesbaden 1951.
8. Poppe, N., Introduction to Mongolian Comparative Studies, Helsinki 1955.
9. Ramstedt, G.D., Einführung in die altaische Sprachwissenschaft, Helsinki 1952 und 1957.
10. Sinor, Denis, Introduction à l’étude de l’Eurasie Centrale, Wiesbaden 1963.
11. Street, J.C., The Language of the Secret History of the Mongols, New Haven 1957.
12. Todaeva, B.Kh., Mongol’skie yazyki i dialekty Kitaya (Mongolische Sprachen und Dialekte Chinas), Moskau 1960.

Copyright Vietze, 2003.

Hans-Peter Vietze, Berlin

 
Juristische Präzedenzfälle aus der Mongolei des 19. Jahrhunderts


Bis zur Revolution 1921 war das Šabi-yin Yamun 'Šabi-Ministerium' die oberste Behörde für die Verwaltung des gesamten klerikalen Apparates der Mongolei. Ihm oblag die politische und wirtschaftliche Leitung und Kontrolle der sogenannten gelben, d.h. der lamaistischen feudalen Strukturen, und damit auch die Jurisdiktion in diesem Bereich bis hin zu Fragen der Einhaltung der regulae fidei.

Die Grundlage der rechtlichen Entscheidungen dieses Ministeriums und der nachgeordneten Verwaltung blieb auch während der Mandschurenzeit das berühmte Qalq-a jirum 'Khalkha-Gesetzesvorschriften', das von 1709 bis 1796 sukzessive kompiliert worden war, wohingegen im weltlichen Bereich nach 1789 im wesentlichen der mandschurische Kodex Mongγol ši'ükü ja'ajan-u bičig 'Mongolisches Gerichts- und Strafbuch' durchgesetzt wurde. Beide Gesetzbücher wurden durch kleinere juristische Werke ergänzt, unter denen dem Ula'an qacartu 'Der Rotbäckige' als Sammlung von Präzedenzfällen ein besonderes Interesse zukommt. Es enthält von Straftaten, die heute als Verbrechen klassifiziert würden, bis hin zu weniger spektakulären Missetaten eine Reihe von Straftatbeständen und Gerichtsurteilen, die die soziale Befindlichkeit und die ethisch-moralischen Werte der mongolischen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Der Titel Ula'an qacartu 'Der Rotbäckige' erscheint für ein juristisches Werk etwas ungewöhnlich zu sein. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Euphemismen für "Täter", denn eine weit verbreitete Strafe bestand darin, mit schuhsohlenförmigen Lederstücken (ša'aqai) auf die Wangen des Täters zu schlagen, die sich je nach Zahl der Schläge für kurze Zeit röteten oder für immer rot vernarbten.

Das Ula'an qacartu existiert unseres Wissens nur noch als Kopie, die 1912 angefertigt wurde und in der Staatsbibliothek Ulan-Bator aufbewahrt wird. Möglicherweise war das Werk ursprünglich umfassender, so dass es sich bei der Kopie von 1912 nur um ein Extrakt der interessantesten Fälle handeln würde. Darauf deutet der vollständige Titel hin: Šabi-yin yamun-u Ula'an qacartu-aca qa'uluγsan dürim 'Urteile aus dem Ula'an qacartu des Šabi-Ministeriums'. 1961 wurde der Text von Š. Nacagdorj mit einem Vorwort versehen und neu herausgegeben ("Ulaan Qacartu", Monumenta Historica Instituti Linguae et Historiae Comiteti Scientiarum et Educationais Altae Reipublicae Populi Mongoli, Tomus V, Fasc. 1, Ulan-Bator 1961).

Das Ula'an qacartu besteht aus zwei Bänden mit insgesamt 478 Gerichtsurteilen aus der Zeit von 1820-1892 (1. Band) und 1892-1913 (2. Band). Die Urteile sind in der Regel auf jeweils nur 4 Zeilen zusammengedrängt, in den meisten Urteilen sind aber dennoch Straftatbestand und Richterspruch genau formuliert.

Die meisten angeführten Straftaten sind vergleichsweise harmlos. Präzedenzfälle für schwere Verbrechen wurden in das Ula'an qacar-tu nicht aufgenommen. Das strengste Urteil, eine Jergel-Strafe in Höhe von 3 "Neunern" wurde gegen einen jungen Mann ausgesprochen, der einen anderen vom Pferd stiess, so dass dieser tödlich verunglückte. Gross ist die Zahl von Beleidigungen und Schlägereien. Ebenso oft werden die Veruntreuung von Vieh aus der Herde des klerikalen und weltlichen Oberhauptes der Mongolei, des Boγdo-Gege'en, u.a. Versuche angeführt, Steuer- und Verwaltungsbeamte hinter das Licht zu führen. Gross ist die Zahl von Beleidigungen und Schlägereien. Für einen Lama, der für die Opfergegenstände verantwortlich war (takilči) genügte es schon, sich im Tempel des Vajirdar-a (Vajra-dhara) auf die Seite zu legen und beim Gebet die Beine auszustrecken, um seines Postens enthoben und mit zwei "Neunern" bestraft zu werden. Ein Mann namens Gombo musste einen Angju in Höhe eines "Neuners" bezahlen, weil er gelacht hatte, als der Oberlama vorüberritt.

Einleitend wird im Ula'an qacar-tu das jeweilige Strafmass nach dem Qalq-a jirum und dem Mongγol ja'ajan-u bičig definiert:

Jergel-Strafe, bestehend aus 3 "Neunern" = 10260 Stück Ziegeltee
Jergel-Strafe, bestehend aus 2 "Neunern" = 6840 Stück Ziegeltee
Jergel-Strafe, bestehend aus 1 "Neuner" = 3420 Stück Ziegeltee
Jergel-Strafe, bestehend aus 1 "Neuner" und 1 "Fünfer" = 5190 Stück Ziegeltee
Jergel-Strafe, bestehend aus 3 "Neunern" = 2250 Stück Ziegeltee
Angju-Strafe, bestehend aus 3 "Neunern" = 4090 Stück Ziegeltee
Angju-Strafe, bestehend aus 2 "Neunern" = 2790 Stück Ziegeltee
Angju-Strafe, bestehend aus 1 "Neuner" = 1300 Stück Ziegeltee
Angju-Strafe, bestehend aus 1 "Neuner" und 1 Kamel = 1800 Stück Ziegeltee
Angju-Strafe, bestehend aus 1 "Fünfer" = 680 Stück Ziegeltee
1 "Neuner" = 4 Stück Grossvieh (zum Grossvieh zählten Pferde, Rinder, Kamele und Yaks) und 5 Stück Kleinvieh (Schafe und Ziegen).
1 "Fünfer" = 1 Pferd, 1 Rind, 3 Schafe

Im folgenden wollen wir einige der Straf- bzw. Missetaten etwas näher in Augenschein nehmen. Interessant ist dabei die relativ grosse Zahl von z.T. auch höhergestellten Lamas, denen es offensichtlich schwerfiel, ihre heilige Würde mit den Problemen des Alltags in Übereinstimmung zu bringen. Zunächst die

Schlägereien 

(I/21) Da er mit dem Proktor (gebküi) Dongdob aus dem Bandita-Ayimaγ (Bezirk) gestritten und ihm dabei den Kragen des Deels abgerissen hatte, wurde der Jayisang-Beamte Jamca aus demselben Ayimaγ mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft. Darüber hinaus hatte er ein dreijähriges Stück Grossvieh und zwei zweijährige Schafe zu entrichten.

 (I/79) Der Lama Jamju wurde mit einem Angju in Höhe von drei "Neunern" bestraft, da er den Jayisang-Beamten Sangdobdorji mit der Peitsche geschlagen hatte.

(I/130) Der Gemeine Dorji wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" und zusätzlich mit einem "Dreier" bestraft, da er dem Jayisang-Lama Samdan den Kragen seines Deels abgerissen hatte.

(II/28) Der Gemeine Gombo wurde mit einem Angju in Höhe von drei "Neunern" bestraft, da er den ehemaligen Leiter (daruγa) Jamsaran so geschlagen hatte, dass dieser den Arm brach.

(II/178) Der Lama Lubsangdorji wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er dem Gemeinen Širub einen Zahn ausgeschlagen hatte.

(II/218) Der Lama Jamsaran wurde zu einer Strafe in Höhe von 9 Stück Vieh verurteilt, da er den Lama Namjil so geschlagen hatte, dass dieser auf einem Auge erblindete.

 
Neben dieser oder jener Vergnügung mit einer Frau, worauf unten noch eingegangen wird, schienen die Lamas vor allem auch am Bogenschiessen einen verbotenen Spass zu finden:

Bogenschiessen

(I/75) Weil sie sich mit Bogenschiessen vergnügt hatten, wurden der für die Opfergegenstände Verantwortliche (takilji) Lubsangγongcuγ und der Türwächter Lungreg von ihren Posten abgesetzt und jeder mit einem Angju in Höhe von je drei "Neunern" bestraft. Die freien Lamas (sula lama) Daši und Jültüm wurden jeder mit einem Angju in Höhe von je zwei "Neunern" bestraft.

(II/70) Vier Tempelproktoren (coγjin gebküi) wurden mit einem "Neuner" Vieh bestraft, da sie nicht ermitteln konnten, dass Lamas am Maquuja-Berg, in der Nähe von Küriyen (alte Hauptstadt), und an anderen Orten Bogen geschossen hatten.

Weltliche Personen wurden demgegenüber bestraft, wenn sie es mit den Wettkämpfen im Bogenschiessen nicht so genau nahmen:

(II/38) Der Bogenschütze Išidonoi wurde mit 250 Stück Ziegeltee bestraft, da er sich zum Naadam-Bogenschiessen am Qan-Berge verspätet hatte.

Ein anderes verbotenes Vergnügen war offensichtlich das

Domino-Spiel:

(I/141) Der Adjutant (kiy-a) Gombo wurde mit einem Angju in Höhe eines "Fünfers" bestraft, da er Domino gespielt hatte.

Und schliesslich natürlich der

Alkohol:

(II/126) Die Lamas Jimed und Gombo wurden jeder zu einer Strafe in Höhe eines "Neuners" verurteilt, da sie sich mit Ariki-Schnaps betrunken und mit dem Beamten und Jayisang Baling gestritten hatten.

(II/190) Der Türwächter Jamsaran wurde mit einer Strafe in Höhe von neun Stück Vieh belegt, da er sich mit Ariki-Schnaps betrunken hatte.

(II/192) Der Verwalter (nirba) Baldandorji wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er ordnungswidrig handelnd gesagt hatte: "An Novizen (šabi) gebe ich keinen Kumys (gegorenen Stutenmilch) aus!".

Hart bestraft wurde

Respektlosigkeit:

(I/121) Gombo wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er, als Sie, der Oberlama vorüber zu reiten geruhten, frech vom Pferd herab gelacht hatte.

(I/156) Der Türwächter Ramcoor wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er sich ungebührlich betragen und gesagt hatte: "Lasst doch die Belehrungen!", als Sie, der Güng-Würdenträger, auf einer grossen Versammlung die Ursachen der Dinge erklärten.

Zahlreich waren

Fälle mangelhafter Pflichterfüllung:

(I/90) Der Klosterangestellte (donir) Utsar wurde seines Postens enthoben und mit einem Angju in Höhe von drei "Neunern" bestraft, da er, als Sie, der Höchste Gege'en, sich vom Gebetszelt zum Palast zurück begaben, nicht sofort das Tor der weissen Umzäunung geöffnet hatte.

(I/72) Der Lama Sonomdorji wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er in das Fleisch, das für das Essen der Lamas anlässlich des "Weissen Monats" (mongolisches Neujahr) vorgesehen war, Eis getan und es dann geschmort hatte.

(II/22) Der "Löffelverantwortliche" (qalbaγači) Dongdob wurde mit 200 Stück Ziegeltee bestraft, da er an einem Montag das Sonntagsbesteck aufgelegt hatte.

(II/27) Die für die Opfergegenstände Verantwortlichen (takilči) Damcug und Cebegdorji wurden jeder mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da sie im Tempel des Vajidar-a (Vajra-dhara) die Aufsicht vernachlässigten, so dass daraus ein Silberteller gestohlen werden konnte.

(II/175) Der Cheffuhrmann (kölögči daruγa) Damdin wurde mit einem Angju in Höhe eines "Fünfers" bestraft, da er ein Wagenpferd des "Höchsten" hatte von einem Wolf anfallen lassen.

Auch Bestechungen waren offensichtlich nicht Ungewöhliches, im letzten Fall war es vielleicht auch nur der Verdacht auf Bestechung, der zu dem Urteil führte.

Bestechung

(I/177) Der Gemeine Düwengjib wurde mit einem "Neuner" Vieh bestraft. Als dieser gesehen hatte, dass der Adjutant einen von unserem Ministerium wegen Diebstahls Verurteilten mit der zur Bestrafung dienenden Peitsche zu schwach schlug, so als sei er bestochen worden, hatte er gesagt: "Wieviel mögen wohl die höheren Beamten an Bestechungsgeldern einstecken?"

(II/232) Der Hilfsschreiber Damdin wurde mit einer Strafe von 4 Stück Vieh belegt, da er dem Jayisang-Beamten Jamiyaniši ein Seidentuch (qadaγ) gegeben hatte, um die Strafsache des Diebes Ceringdaγbanstig zu beeinflussen.


(I/16) Der Türwächter Nawangdaši wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er offiziell ausgezogen war, um den Dieb Wangcuγ zu fangen, dessen er jedoch nicht habhaftig werden konnte.

Eine bedeutende Rolle spielte die

Übertretung von Vorschriften zum Schutz vor infektiösen Krankheiten:
 
(II/82) Der Fuhrmann Daši wurde von seinem Posten angesetzt und mit einer Strafe in Höhe von neun Stück Vieh belegt, da er wissentlich nach der Hauptstadt Küriyen gekommen war uns sich vor Ihnen, dem höchsten Gege'en verneigt hatte, obwohl er sich vorher in einer Pockengegend aufgehalten hatte.

(II/70) Der Proktor (gebküi) und Kantor (umzad) Batm-a wurde mit einem Angju in Höhe eines "Fünfers" bestraft, da er den Lama Namjil, der auf Grund einer infektiösen Krankheit aus Küriyen entfernt wurde, aber heimlich in seine Jurte zurückgekehrt war, zwar verhört, aber nicht wieder entfernt hatte. Der für zehn Türen Verantwortliche (arban qa'alγan-u daruγa) Duγanji und andere wurden mit je 250 Stück Ziegeltee bestraft.

Wie auch aus der Folklore bekannt, gilt bei den Mongolen jede Art von Tierquälerei als besonders verwerflich, was auch in einigen Urteilen seinen Ausdruck findet.

Tierquälerei
 
(I/50) Der Adjutant (kiy-a) Gombo hatte unter der Vorgabe, er habe seine Schafe angefallen, einem streunenden Hund die Achillessehne durchgeschnitten. Er und der Lama Galdan, der das Messer dazu gegeben hatte, wurden jeder mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft.

(I/164) Der Lama Gongcoγdorji wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er den Hund des Gemeinen Dašijib totgeschlagen hatte.

(II/280) Der Leiter Cengde und die Ehefrau Dolγar aus dem Lanfkreis wurden mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da sie über den Šabi-Lama Baldan die Lüge verbreitet hatten, er hätte seinem Ochsen die Zunge abgeschnitten.

Interessant ist eine

Übertretung des Verbots, am Jinggeltü-Berg Brennholz zuschlagen:

(I/170) Der Lama Išidorji wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er am Jinggeltü-Berg Brennholz geschlagen hatte.

Und schliesslich noch ein Fall von

Hochstapelei:

(I/55) Gombo wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er, obwohl Gemeiner, Lamakleidung getragen hatte.

Aus soziokultureller Sicht interessant und daher hier gesondert behandelt, sind Straftaten bzw.

Urteile, in denen Frauen eine Rolle spielen:

(I/1) Ombujib hatte das Mädchen Padma als Magd angestellt. Als sie krank wurde, schickte er sie zurück und liess sie auf dem Rückwege zu ihrer Jurte sterben. Er wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft.

(I/3) Die Laienschwester (čibaγangca) Qangtu-a wurde mit einem Angju in Höhe von fünf "Neunern" bestraft, da sie den Geistlichen zweiten Ranges (gecül) Lubsangdorji mit einer Feuerzange geschlagen hatte.

(I/5) Der Gemeine Sampil wurde mit einer Jergel-Strafe in Höhe eines Neuners und eines Fünfers bestraft. Nachdem er es mit dem Mädchen Delger schlecht und ausschweifend getrieben hatte, gestand er unter dem Šiqa'a-Eid, sie mit einer infektiösen Krankheit angesteckt zu haben. (Der Šiqa'a-Eid wurde nach altem Brauch geleistet, indem man unter etwas möglichst Ekelerregendes, wie z.B. durch Menstruationsblut stark verschmutzte Frauenunterkleidung kroch bzw. diese auf seinen Kopf legte).

(I/17) Der Gemeine Dongdob wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er Dulmaa, die Gattin des Iši, seines Zeichens adliger Tayiji aus dem Amban-Beyise-Qoši'uns, mit schlechten Worten beleidigt hatte.

(I/27) Der Lama Cedenküü wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er den Proktor (gebküi) Lubsangγombo des Ke'üken-Qubilγan-Klosters und seine Gefährten übel beschimpfte, als diese kontrollierten, ob sich auf dem Gelände des Klosters Frauen oder Mädchen aufhielten.

(I/58) Gombo wurde mit einem Angju in Hφhe eines "Fünfers" bestraft, da er seine Frau Ceringjid geprügelt und ihr die Haare abgeschnitten hatte.

(I/156) Tulaγa wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" und eines "Fünfers" bestraft, da er seine leibhaftige Mutter, die Laienschwester (jibaγangca) Palamu beleidigt hatte.

(I/166) Der Lama Duγar wurde mit einem Angju in Höhe eines "Fünfers" bestraft, da er, während er bei der verheirateten Frau Galdan in der Jurte lebte, einen Yak, einen Ochsen und Tee für eine Kaschemme willkürlich genommen und verkauft hatte.

(I/173) Der Beamte Gongcoγjib wurde mit einem Angju in Höhe eines "Neuners" bestraft, da er seine Tochter Duγarjib, nachdem er sie dem Gemeinen eines Šabi, Buyangdelger, zur Frau gegeben hatte, eigenmächtig zurückgeholt hatte.

(II/14) Die Frauen Erinjin und Dolγar wurden zu je einem "Neuner" Vieh verurteilt, weil sie sich geprügelt und ungebührlich aufgeführt hatten.

(II/33) Der Tayiji Lqamujib erhielt eine leichte Strafe in Höhe von 500 Ziegeln Tee, da er, als er an den Sitz des Ministeriums gerufen wurde, sagte, seine Frau sei krank und sich zu ihr begab.

(II/53) Der Jayisang-Beamte des grossen Klosterfundus, Sambuu, wurde zu einem Angju in Höhe eines "Fünfers" verurteilt, da er dem Proktor des nachgeordneten Ayimaγs vorwarf, er habe eine in seiner Jurte lebende Laienschwester davongejagt.

(II/61) Der Lama Ceringkü
ü wurde zu einem Angju in Höhe eines "Fünfers" verurteilt, da er in der Hauptstadt Küriyen des Nachts eine Frau bei sich gehabt hat.

(II/96) Der Verwalter Dorji erhielt eine Strafe in Höhe von 5 Stück Vieh, da er der den Gemeinen zugehörigen Frau Dulam und einigen anderen Familien erlaubt hatte, ihre Jurten im Lager des Sayid-Sejen-Qan aufzuschlagen, ohne die Erlaubnis des Familienclans einzuholen.

(II/125) Der Ordonnanzlama (kiy-a lama) Sambuu wurde von seinem Posten abgesetzt und mit 5 Stück Vieh bestraft, da er in seinem Haus ein Mädchen hatte.

(II/151) Der Türwächter Lubsangdaši und der Lama Tamjuγdorji wurden mit je einem Angju in Höhe eines "Fünfers" bestraft, da sie verwandte Frauen und Töchter in Küriyen untergebracht hatten. Der Proktor Ariy-a, der das nicht zur Anzeige brachte, wurde mit 3 Stück Vieh bestraft.

(II/159) Der geweihte Mönch (Geleng) Sonomjering, der den Lama Cerindaši mit einer Frau verlobt hatte, wurde mit einem "Neuner" Vieh bestraft.

(II/167) ... Das Mädchen Jering wurde mit einem Stück Vieh bestraft, da sie einem Landstreicher Unterkunft gewährt hatte.

(II/154) Der Verwalter Jamsaran wurde mit 5 Stück Vieh bestraft, da er im Hof der Schatzkammer Ihrer Weisheit des Qamba Lama den Schnee durch Frauen räumen liess.

(II/158) Sangjiküü wurde mit 3 Stück Vieh bestraft, da er die Frau Yangjin so geschlagen hatte, dass sie eine Fehlgeburt bekam.

(II/198) Wegen Vernachläδssigung der Dienstpflicht und Nichtanzeige des Sachverhaltes, dass der geweihte Mφnch (Geleng) Nim-a seine Geschwister in Küriyen untergebracht hatte, was dazu führte, dass sie erkrankten, wurden bestraft: der Proktor der Tempelhalle (joγjin gebkόi) mit 3 Stück Vieh, der Ayimaγ-Proktor mit 3 Stück Vieh, der Polizist, der Türwärter und die Ordonnanz mit je 2 Stück Vieh, der Verantwortliche für die 10 Tore und der Tempelwärter mit je einem Stück Vieh.

(II/275) Die Türwächter Erdeni und Lubsangcerin aus dem Ayimaγ des Qubilγan wurden von ihren Posten abgesetzt und mit je 3 Stück Vieh bestraft, da sie das Mädchen Dolγarjib und das Šabi-Mädchen Dejid zur Zeit der Audienz im Tempel Gungγadejidling absichtlich das Bekleidungszelt betreten liessen. Die Mädchen Dolγarjib und Dejid wurden mit je einem Angju in Höhe eines "Fünfers" bestraft.

Die Präzedenzfälle, in denen Frauengestalten vorkommen, zeigen die Rechtlosigkeit der Frauen in der alten Mongolei. Andererseits zeigt das Urteil I/156 aber auch die schon aus der Geheimen Geschichte u.a. frühen Quellen bekannte relativ hohe soziale Stellung der Frau in ihrer Rolle als Mutter. In den o.a. Urteilen tun die Frauen häufig nichts Böses, werden aber direkt oder indirekt für Gutmütigkeit, Neugier oder Zuneigung z.T. streng bestraft. Die angeführten Urteile geben ein Bild von der gesellschaftlichen Rolle der Frau in der Mongolei des 19. Jh.

Alle angeführten Straf- und Missetaten sowie die Art und Weise, wie sie bestraft wurden, sind unseres Erachten ein ergänzender Beitrag zum Sittenbild der alten Mongolei, aber auch zu den Kenntnissen über die Funktionsweise von Administration, Recht und Gesetz, Autoritätsprinzip und Klosterleben, weshalb wir sie hier angeführt haben.

Copyright Vietze, 2003.